Fallobst...


[ Update: 25.11.2007 ]

  
 
#8 Laura
Tags: Narrative.

Hi A.,

Sprache ist Dekoration. Es ist auch nicht notwendig, Nicht-Wissenschaftliches in einen vermeintlich-wissenschaftichen Terminus zu hüllen. Mir fehlt das Kreative, das Narrative im nicht-wissenschaftlichen Arbeiten hier. Die meisten Menschen lenken sich nur ab, anstatt wahrzunehmen, zu denken. Mein Leben ist ein Film ohne Handlung und mit ausgedehnten Werbepausen, in denen ich esse, aufs Klo gehe, trinke, keinesfalls aber hinhören oder hinschauen kann. Manchmal denke ich, alles drehe sich hier um die beste aller Ablenkungen. Und: Mein Produktivdrang ist zu einem Produktivzwang verkommen, der mich unfähig werden lässt, Dinge einfach und unverarbeitet (d.h. weder analysiert, noch interpretiert, noch protokolliert etc.) zu genießen.

Dann gilt es, das Idyll aus Herz und Kopf aufs Papier zu übertragen. Möglichst detailliert und umfassend, dass die anderen es möglichst detailliert und umfassend vom Papier in Herz und Kopf aufnehmen können. Wie dem auch sei, ich setze einen Blaugrau-Filter auf die folgenden Szenen und schreite zu deren Beschreibung.

Über die Wochen, Monate und Jahre hat sich allerhand angesammelt in Herz und Kopf, das aufgeschrieben werden will. Je länger man sammelt, desto schwerer ist es, ein Format zu finden, das alle Gedanken und Empfindungen in ihrer Frische und Eigentümlichkeit wiederzugeben vermag. Also stellt man sie in ein Regal. Die neuerlich hinzutretenden Empfindungen und Gedanken werden zeitnah in ein Format gepackt und verarbeitet. Auf dem Wege der Assoziation sollte sich allmählich der Schatz im Regal reduzieren. Kommt ja alles wieder...

Die letzten Wochen war mein Kopf leer, das Herz taub. Dann ist urplötzlich und auf einen Schlag der Bewegungsmelder im Kopf angesprungen. Das Regal ist umgefallen und seitdem herrscht das blanke Chaos. Herumfliegende Gedanken und Eindrücke dringen durch die Organe nach außen und beeinflussen die Wahrnehmung. Ich höre Töne und Klänge, von denen ich sicher bin, dass ich sie vor einiger Zeit schon ins Regal gestellt hatte. Leute, Geschichten, Lebensläufe erscheinen mir vertraut obschon es bewiesen sein dürfte, dass ich es sich um neue Bekanntschaften handelt. Ich kann mich nicht mehr zurecht finden, obschon ich mich dort auskenne, wo ich lebe und mich aufhalte...

Yours,

L.



#7 Andreas
Tags: Socyety, Deco.

Hi L.,

wow, der Begriff "Socyety" gefällt mir. Dazu gleich mal ein Bild im Anhang. Hehe! ;) Lass nochmal Wallpapers tauschen!

Natürlich ist das hier vollkommen nicht-wissenschaftliches Arbeiten. Ich benutze um- oder eigendefinierte (abstrakte) Begriffe und/oder uminterpretierte Fremddefinitionen und versuche, mit verschiedenen Mitteln Stimmungen zu erzeugen (Emokontext). Die Konsumentenhaltung aufgebend male ich Bilder von vermeintlich-wissenschaftlichen und jederzeit fachlich vertiefbaren Themen, nicht aber mit dem Ziel, Erkenntnisse zu liefern (Robo), wenngleich meinem Tun stetes Erkenntnisstreben zugrunde liegt. Die berechtigte Frage ist, inwieweit Emo-Sachen Robo-Format aufweisen müssen.

Soweit Robo: wenn Bilder, Schnörkel, etc. nicht von inhaltlicher, sondern "nur" von ornamentarischer Relevanz sind, brauchen sie hier auch nicht zu erscheinen. Return to the pure and sterile. Aber: der absolute Mangel an dekorativen Elementen stellt ja wiederum eine Methode der Dekoration dar, oder nicht? Modell "Klinik"? (Sollten wir auf Satzzeichen, Absätze und ein Format gänzlich verzichten?) Der betriebene Purismus beschränkt sich aufs Wesentliche. Die Aussage. Das WAS. Wenn wir nun aber davon ausgehen, dass im Vordergrund steht WAS geschrieben wird und das WIE allenfalls sekundär von Bedeutung ist... dann kann Dekoration wieder stattfinden.

Miriams, mein und - als Du gegangen bist - auch Tonis Gesprächsthema war Island. Die beiden fliegen nächstes Jahr wohl. Ich frage mich, ob jedes Land einen derart intensiven Eindruck hinterlässt, oder genauer: wie lange würde es wohl dauern, bis die Gewohnheit auch hier die Farbe aus dem Panorama gesogen hätte? Festzuhalten bleibt: Island war genau das, was meine Fantasie und ich gebraucht haben. Normalerweise entstehen bei der Betrachtung von Landschaften erst dann Bilder im Kopf, wenn künstliche Klanguntermalung erfolgt. Island liefert alles im Bundle. Zum ersten Mal, dass Bilder und Melodien im Kopf entstanden sind. Bekannte (Sigur Rós) wie unbekannte.

Zu Lars:

Wir sind auch keine Misanthropen. Ich für meinen Teil habe nichts gegen Menschen, obwohl ich mich über weite Strecken lieber mit den Produkten ihres Geistes auseinandersetze. Btw: Myspace ist eine Goldgrube. Da wird mit Tracks gefragt und mit Bildern geantwortet! Das ist genau das, was ich meine!

Yours,

A.

--- Anhang ---

Overrated @ SplitReason.com
Overrated design @ © SplitReason.com


#6 Laura
Tags: Emo, Deco.

Hi A.,

worüber hast Du Dich denn mit Miriam so lange unterhalten?

Ich finde diese aufs Wesentliche (nämlich den Text selber) reduzierte Form von Textdarstellung gerade etwas unbefriedigend, wenngleich sie hier zweifellos am funktionalsten ist. Und wir sind ja konsequent im tun was wir sagen. :) Keine Frage!

Ich schreibe die Gedanken auf, wann immer und wo immer sie entstehen. Entsprechend habe ich eine große Auswahl von Beschriebenem (Bierdeckel, Servietten, Rückseiten von Kontoauszügen und Kassenbons, aber auch Notizblöcke, SMS-Entwürfe, Hefte, etc. oder letztlich sogar direkt den PC). Wenn ich dann auf eine Seite sterilen Maschinentext als Resultat von 2 abgetippten Seiten aus meinem Schreibblock schaue, das eben keine Bilder, Schnörkel, Ausrisse und keinerlei Zierde (that makes it more unique, you know?) mehr enthält, stimmt mich der Anblick nicht selten etwas betrübt. Bei nicht-wissenschaftlichen Texten ist für mich eben das wissenschaftliche Format etwas ungewohnt.

Du theoretisierst da eine Cyborg Society: Socyety! Was nehme ich vom Menschen, was vom Roboter, um mein Wesen schaffen? Oder in unserem Fall: was lege ich ab und ersetze es durch Robotisches? Auch ein Stückweit Selbsterschaffung. Robo vs Emo. Das ist es, worauf alles hinausläuft. Emotionen sind oftmals unberechen- und unkontrollierbar in Sachen Auftreten, Dauer, Art und Intesität. Ich stelle die Notwendigkeit eines emotional control panel fest, welches folgende Elemente aufweist: ein Label mit Name und Funktion "(show) current mood", ein button "save mood to list", eine Drop-Down-Box "saved moods", ein button "load/open mood". Die Liste sollte also auch folgenden Eintrag aufweisen: "(none)". Was meinst? Solange das panel funktioniert, kann man sich auch Gedanken über dessen optische Aufmachung machen... :)

Es gibt in Briefwechseln wie diesen keine Kommentierpflicht. Man kann Dinge auch ruhig mal unkommentiert stehen lassen. Früher oder später kommst Du ja ohnehin um eine neuerliche Konfrontation mit dem Kunstbegriff nicht herum.

Zu Lars:

Ich denke Andreas und ich sind beides keine Kellerkinder, die das Tageslicht und die reale Welt scheuen, weil es uns - aus welchen Gründen auch immer - nicht vergönnt ist, gesellschaftlich anerkannt zu werden. Wir sind also nicht die typischen Sozialversager, wie man meinen möchte, wenn man die Texte hier liest und uns nicht weiter kennt. Es ist eher ein freiwilliger Rückzug als Maßnahme der Horizonterweiterung. Quasi ein (mittlerweile sehr dauerhaftes) gesellschaftliches Heilfasten.

Eine "entsozialisierung der menschen im netz" kann ich nicht erkennen. Das Internet als solches hat ja nicht zum erklärten Ziel, eine neue Gesellschaft zu erzeugen, sondern vielmehr, die bestehende zu erleichtern. Und allein "Social Tagging", d.h. das Versehen von Menschen mit Stichwörtern als Filterfunktion erspart einem wirklich einen Haufen Zeit.

Die "entfremdung von der eigenen spezies" ist für mich (auf Temporärbasis) mittlerweile Normalität und, solange es kontrolliert abläuft auch kein Ding. Getreu dem Motto "die kleinste Gruppe bin ich" läuft ja das gesamte Underground Movement in die gleiche Richtung. Es ist wirklich kein Problem für mich, mich mit Menschen IRL zu umgeben. Nur habe ich eben sehr hohe Ansprüche. An die Menschen und an die Modalitäten des Treffens. Schlussendlich ist zu beachten, dass hier eine Art Versuch einer Ideologisierung stattfinden soll. Und Ideologien beachten in ihrer Absolutheit ja nicht immer die faktisch gegebenen Umsetzungsmöglichkeiten. ;)

Yours,

L.



#5 Andreas
Tags: Emo.

Hi L.,

ja, das Bild ist in der Tat Emo. Aber ich glaube, dass das auch außerhalb der Emo-Jahreszeit Herbst gewirkt hätte. Das innere Auge sieht derzeit aber definitiv bunt, das innere Ohr hört Melodien. Der Herbst ist da wohl wirklich auch die einzige Jahreszeit... Ich registriere (über weite Strecken genießend!) die im Kopf und in Farbe entstehenden Bilder und versuche einmal mehr, diese Eindrücke mit Hilfe der mir zur Verfügung stehenden Kreativmittel (Schreiben) ihrer Verwertung zuzuführen:

Frühling = Übergang von Grisaille nach Bunt; das Erwachen der Natur.
Sommer = Bunt; Natur lebt.
Herbst = Übergang von Bunt nach Grisaille; das Sterben der Natur.
Winter = Grisaille; Natur tot.

Bäumt sich der Organismus im Herbst mittels seiner Überwahrnehmung/Harmonisierung gegen das sinnliche Reizabsterben auf oder lässt aus irgendwelchen Gründen einfach die kognitive Interpretationsinstanz nach und legt sich quasi zum Sterben neben die Natur?

Es gibt da dieses Video, an das ich jeden Herbst denken muss. Alles Schwarz-Weiß-Grau; im Vordergrund ein Baum, im Hintergrund eine Häuser-/Fassadenzeile. An dem Baum hängt ein einzelnes leuchtend gelbes Blatt. Das fällt dann runter, liegt auf der Erde und nimmt - verrottend - die "Farbe" seiner Umgebung an. Diese Art von (Verfalls-)Kontrastarbeit gefällt mir sehr. Ich meine, im Frühling entstehen auch Kontraste, aber die berühren mich nicht (so stark). Wie dem auch sei, auf Youtube und Co. habe ich jedenfalls noch nichts gefunden. Is ne Szene aus nem Kurzfilm, der vor Jahren mal auf Arte kam. Außer dieser Szene ist mir auch nichts im Gedächtnis haften geblieben.

Dem ganzen Emokontext steht der Roboterkontext gegenüber. Vor allem in der Musik ist mir letzterer ("Robot Sonic" - ich merke mir übrigens in aller Regel nur das Zitat, nie Datum und Urheber) wirklich sehr ans Herz gewachsen. Oder eben nicht ans Herz, sondern - eine Notwendigkeit rational feststellend - an den Kopf, wenn man mal davon ausgeht, dass der verhältnismäßig kühle und berechnende Kopf dem "warmen" und fühlenden Herzen ebenso gegenübersteht. Menschliche Denkprozesse sind maschinellen Programmabläufen vermutlich ähnlicher als unreflektierten Empfindungen des Herzens. Der Wunsch des Kopfes wäre auch die ultimative Kontrolle über die Emotionen, d.h. beliebiges an- und abschalten von Gefühlen. Und natürlich auch der völlig emotionsfreie Zustand. Wie immer der aussehen mag.

Ich frage mich, ob und wie weit die beiden Pole (denken/fühlen oder auch Mensch/Maschine) in meinem Leben klar trennbar sind, wo Berührungspunkte oder gar Überschneidungen entstehen und bis wohin ich beide ausreizen kann.

Deine Kunstthematik hab ich jetzt mal ganz außen vor gelassen. Das bitte ich zu entschuldigen. Ich komme bei Zeit darauf zurück. Aber jetzt erstmal your turn!

Yours,

A.



#4 Lars
Tags: Freundschaft, Society By Call.

hallo ihr zwei.

interessiert hatte mich das thema von vornherein. wenn andreas meint, er sei dabei einen briefwechsel zum thema "kunst" im netz zu veroeffentlichen und mir gleich die url mitgibt, muss ich da schon mal reinschauen. also verzeiht, dass ich mich kurz einmische.

bevor ihr das thema "kunst" aufgegriffen habt, war euer topic "freundschaft". und genau da denke ich, muss ich mal kurz einhaken. nicht, dass ich zum thema kunst nichts zu sagen haette - ich bearbeite nur gern die dinge in der reihenfolge, in der sie anfallen. zumindest so weit moeglich, nuetzlich und nihct anders erforderlich.

um den faden nicht zu ueberspannen falle ich gleich mal mit der tuer ins haus: ihr beiden erscheint ihr mir als die typischen selbstbefruchter dieser kategorie "soziallegasthenie internet-society". es ist schwer, ein loch in das boot zu bohren in dem man selbst sitzt; auch seid ihr beiden mittlerweile in einem alter, in dem freundschaften als solche eben kaum noch entstehen koennen. zu bekanntschaften komme ich spaeter.

doch sollte euch wenigstens der unterschied klar sein, zwischen dem, was ihr hier als freundschaft abtut und dem woraus faktisch freundschaft besteht. im folgenden versuche ich kurz zu schildern was freundschaft ist, aber auch was sie nicht ist. worin der unterschied zu bekannten besteht und vor allem, warum das gut so ist.

ein freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eben nicht einfahc mal so vorbeikommt, "weil man das so macht". ein freund kennt dich und respektiert deine privatsphaere. er selbst beansprucht diese ja auch fuer sich. es gehoert zu einem leben einen freund zu kennen, ihn zu hoeren und ihn zu riechen. man muss sich nicht unterhalten und es ist auch nicht peinlich wenn es still ist. viele stunden nebeneinander zu sitzen ohne ein wort zu sagen ist vertrauen und nicht peinliche blossstellung. ein freund ruft an, wenn er fragen hat und eine antwort erwwarten kann; nicht weil er deine stimme hoeren moechte - er ist ja nicht verliebt. es ist allerdings kein problem sonntags morgens um 04:30 uhr angerufen zu werden um in bad homburg zwei freunde abzuholen, die ihren letzten pfennig versoffen haben und absolut mittellos auf dem bahnhofsvorplatz herumliegen.

in jungen jahren kaempfen manche um freundschaften und es kann zu solch absonderlichen definitionen und handlungen kommen, wie du (anderas) sie beschrieben hast. man kommt vorbei in der annahme, dass das freunde eben einfach so tun. eine freundschaft ist keine ehe im liebessinn - lebenslaenglich aber dennoch.

"bekannte" sind alle, die nicht freunde sind und derer bekanntschaft man sich auf nachfragen ohne zu luegen erinnert. punkt. manche stehen einem naeher und man groesseres vertrauen, manche eben nicht. nichtsdestotrotz sind alle was sie sind - bekannt.

die entsozialisierung der menschen im netz halte ich fuer bedenklich. ich war selbst ein kind der ersten stunden im heutigen internet. seit 1993 sitze ich an rechnern, die mit anderen ueber telefonleitungen und uber tcp-ip-protokolle kommunizieren. (mir ist klar, dass dieses protokoll nochmals dreissig jahre aelter ist, aber darum geht es hier ja nicht!). interessiert und mit der notwendigen zurueckhaltung betrachte ich alle trends und modeerscheinungen - so auch die funktionen email, chat, lists, foren, community, etc. manche sind brauchbar, andere nicht. manche bedenklich, andere willkommen. das wort community aber ist in diesem zusammenhang defintiv fehl am platz. die dahinterstehenden funktionen generieren das exakte gegenteil einer funktionierenden gesellschaft. ein haufen trabanten die wie die "morlocks" aus der zeitmaschine ihrer tage fristen und die "eloy", die das missgeschick ihrer eigenen existenz aus schierer ignoranz missachten.

unverbindlichkeit, zeitliche abrufbarkeit und keine intensive beschaeftigung mit einem mensch (wohlgemerkt mit kopfschmerz, schlechter laune und geruch) fuehrt zur entfremdung von der eigenen spezies. wie soll ich wissen, wie menschen sind, wenn ich mich nicht mehr mit ihnen beschaeftige? ein mensch ist komplexer als ein paar zeilen text. ihn darauf zu reduzieren ist - man ist fast gezwungen dieses wort zu gebrauchen - respektlos, beinahe unmenschlich.

ich koennte meine ausfuehrungen noch unendlich fortsetzen. der berguendungen reihe reisst nicht ab in meinem kopf. vielleicht setze ich das ganze bei gelegenheit fort. eines faellt mir zum schluss noch ein. ein mensch ist mehr als die summe seiner gedanken. ihn einzuschaetzen als individuum ist auch eine form von respekt. erich kaestner meinte hierzu einmal: "nur wer erwachsen wird und ein kind bleibt, ist ein mensch!" wie soll ich diesen zustand anhand eines bildschirms erklaeren?

lars



#3 Laura
Tags: Society By Call, Kunst.

Hi A.

ja, ich schaue, dass ich es zum Toni schaffe.

Dein "Society-By-Call"-Gedanke gefällt mir. Klingt nicht so unerfreulich wie "Isolationskultur", wenngleich er über weite Strecken mit dem identisch sein dürfte. Das ganze On-Demand-Business ist ja ohnehin DER Trend. Customize everything! Die meisten scheinen dabei ihre Leben zu vergessen. Wenn man bedenkt, dass im Internet der Gesellschafts-Prototyp herangezüchtet wird!? Society 2.0, ich bin dafür!

Bei einem geregelten Sexleben erschöpft sich der Reiz am Kontakt mit anderen Menschen meiner Meinung nach im Dialog. Und den gewährleistet der Chat vorzüglich. Ich kann nebenher noch Dinge tun. Essen, Musik hören, lesen,... IRL muss ich da sitzen, das Gegenüber anschauen, es riechen, etc. Dabei bin ich doch nur da, um zuzuhören und zu sprechen. Gelegentlich noch, um zu denken. Die restlichen Sinne und Organe sind ohne Auftrag und sollten sich beschäftigen dürfen...

Welche Stimmung erzeugt elektronische Musik/Audiokunst?

Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt, allerdings etwas globaler: welche Stimmung erzeugt Kunst?

Kunst steht als geistiger Luxus der Funktionalaufgabe Alltagsbewältigung gegenüber. Die Menschen, deren geistige Kapazitäten nahezu ausschließlich im Regeln und Organisieren des täglichen Lebens aufgebraucht sind, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die ausgeprägteste Kunstakzeptanz aufweisen und zeigen. Kunst ist viel direkter auch nicht selten dazu bestimmt, dem Alltag schlicht zu entfliehen. Ergo ließe sich die zu erzielende Stimmung in Form, Erscheinung und Intensität nicht im gewohnten Spektrum ansiedeln.

Kunst wird aber nicht automatisch "künstliche" Stimmungen erzeugen. Das ist mehr eine Frage des Zugangs.

Der Mensch kann keine künstlichen, d.h. synthetische Stimmungen erfahren, allenfalls natürliche, noch nicht in seinen Erfahrungsschatz aufgenommene, also Neu- oder auch fremdartige (d.h. seltene) Gemütslagen in verschiedenen (teils dann auch fremdartigen) Ausprägungen. Künstlich hier als "natürlich, aber fremdartig". Je nach Zugang wäre hier vermutlich für manche der Begriff der "künstlerischen" Stimmung zutreffender, wie ich im Folgenden schnell darzustellen versuche.

Kunst als dem Alltag und dem Gewohnten enthobene Darstellungsform bewirkt einen Perspektivwechsel und somit eine veränderte Wahrnehmung beim Konsumenten, der sich folglich mit etwas Ungewohntem, somit Unerwarteten und faktisch Neuem konfrontiert sieht. Zusätzlich zu seiner (intellekts-/bildungsspezifischen?) Kunstakzeptanz muss der Einzelne hier somit seine Innovationstoleranz und Experimentierbereitschaft prüfen lassen. Das zugangsspezifische und somit individuell verschiedene Stimmungssortiment dürfte also, wie weithin gültig, vom Negativsten (aggressive Ablehnung, etc.) über Neutral (kritikloses Zur-Kenntnis-Nehmen) bis hin zum Positivsten (euphorisches Aufkeimes des eigenen Kreativdranges) reichen; eine Frage der Lernbereitschaft, d.h. der Bereitschaft, etwas Neues zu analysieren, zu interpretieren und (zum Abschluss der Konsumphase) in den Erfahrungsschatz aufzunehmen. Inwieweit zwischen der Konsum- und der Ablegphase noch eine Produktivphase geschoben wird, hängt vom Grad der Eigenkreativität ab. Kunst als Inspiration bewirkt die o.g. "künstlerische" Stimmung.

Zurück zum elektronischen Klanguniversum als spezielle Form der Audiokunst.

Sowohl die elektronische Klangpalette als auch neue (dem Computer sei Dank) Kompositionstechniken und -praktiken dürftem beim Ersthörer kaum Asoziationen mit Gewohntem hervorrufen (Analyse). Bei jeder Form der Audiokunst kommt dem Interpretationspart größte Bedeutung zu. Interpretationshemmer wie (politische) Textpassagen sind selten anzutreffen und vor allem mangelnder Illustration sei Dank, dass hier gilt: größtmögliches Maß an Abstraktion beschert größtmögliche (Interpretations-) Spielräume. Das geneigte Auge hat bei Audiokunst vielleicht abgesehen von Plattencovern und Performance-Liveaufnahmen keinerlei Anhaltspunkte, versucht aber, diesen Mangel aus eigener Kraft zu kompensieren. Die Bilder entstehen somit vor dem inneren Auge. Das mal dazu.

Was ist der "(Final) Robotic Punch" ?

Wahrscheinlich ist damit der Zeitpunkt gemeint, wenn das letzte (hörbare) menschliche Element aus der Musik/Kunst gewichen ist; wenn der Roboter den Menschen von seiner Klangwiese vertrieben hat. Ist in meinen Augen schon geschehen. Von wann und wem stammt dieses Zitat?

Zu guter Letzt habe ich noch ein Bild für Dich im Anhang... Auch wieder Emo! ;)

Yours,

L.

--- Anhang ---



#2 Andreas
Tags: Freundschaft, Society By Call.

Hi werte Freundin,

zu allererst bedanke ich mich für Deinen Brief. Nicht weil es sich gehört, sondern weil ich mich ehrlich gefreut habe. Und ich schreibe Dir einen Brief zurück, weil mir diese Art von Klassik gerade sehr gefällt (Spam-Zeitalter).

Zur Differenzierung Freund - Bekannt:
Mit dem Begriff FREUND habe ich seit jeher meine Schwierigkeiten. Mir wird das Ganze zu schnell zu verbindlich. Freunde tauchen gerne mal unpassend auf und wollen was unternehmen, weil man eben befreundet ist und Freunde das so machen. Ohne speziellen Anlass. Wenn ich mich mit wem treffen will, dann muss es schon nen Anlass geben. Oder das letzte Treffen ist schon länger her. Am besten beides. Ich will einfach, dass es etwas gibt, worüber man reden kann. Man kann einen Menschen nach einer gewissen Kennenlernphase auf seine Gesprächsthemen reduzieren. Und ich möchte immernoch selber entscheiden dürfen, ob ich auf die jeweiligen Themen gerade Lust habe oder nicht. Meine BEKANNTEN habe ich wie folgt kategorisiert und etikettiert: Musik, Netz, Beruf, etc. Einige haben auch mehrere Etiketten. Je nach (zu erwartenden) Gesprächsthemen gibts nen Kleber auf die Stirn.

Dann noch 2 Charakteristika für "Freunde":

1. Sind immer da, wenn man sie braucht. Schön und gut. Nur brauche ich sie nicht jedesmal, wenn sie da sind.
2. Kann man über alles reden, immer anrufen, Tag und Nacht. Ich habe einen relativ hohen Durchlauf an Bekannten (dem Internet sei Dank) und bekomme jährlich 5 bis 10 mal angeboten, jederzeit anrufen und über alles reden zu können. Handy ist 24h an. Kennst ja die Sprüche.

Ich habe - denke ich - schon gewährleistet, dass ich für alles Anfallende nen Gesprächspartner hab, den ich im Bedarfsfall anrufen kann. Darauf kommt es meiner Meinung nach an. Im Bedarfsfall ("Society By Call" - remember?). Wenn alle anderen nur genauso verfahren würden. Aber ich bleibe immernoch bei der Anrede! :)

Ja, die Natur ist sehr reizvoll, wenn man sie nur anders vertont. Ich bin zur Zeit einmal mehr mnml mono und versuche (auf diese Weise), das Emo-Element wieder zu deaktivieren! ;) Btw: Welche Stimmung erzeugt eigentlich (experimental) elektro? Und was meint der zweite Teil des folgenden Slogans? "Creating moods of all kind. Preparing for the final robotic punch". Nachher noch einkaufen, dann arbeiten.

Sieht man sich beim Toni? Ich wünsche Dir einen schönen Tag!

Yours,

A.



#1 Laura
Tags: Natur.

Hi werter Freund,

Du bist einer der wenigen Menschen, die ich IRL ertragen, denen ich zuhören kann und mit denen ich sprechen will. Bei der überwiegenden Mehrheit meiner Bekannten (Was war doch gleich der Unterschied zw. Freund und Bekannt?) bin ich wirklich und ausgesprochen froh, wenn ich sie irgendwann wegklicken kann.

Weil ich gerade nicht sprechen will, schreibe ich Dir ein paar Takte und höre Musik. Und natürlich frage ich Dich, wie es Dir geht und was Du so machst. Was es Neues gibt und so. Nicht weil ich denke, dass sich seit Sonntag was Weltbewegendes aufgetan hat und schon garnicht weil es sich gehört, sondern weil es mich ernsthaft interessiert. Also? Schreib er...

Ich sitze eingepackt und unter einer Decke auf meinem Balkon, schaue über die Dächer. Wenn man selber entscheiden kann, was man zum für sich genommen nicht unattraktiven Anblick der sterbenden Natur gerne hören möchte, lässt es sich wirklich aushalten. Ich ziehe Lucrecia ziemlich allem vor derzeit. Und ich mag dieses spezielle, unwirkliche Herbstmorgenlicht. Alles zusammengenommen inspiriert mich hier und jetzt. Und weil ich kreativ unbegabt bin, schreibe ich Briefe. Dieses Zusammenspiel der Einflüsse als Ursache und meine Stimmung als Effekt sind streng abzugrenzen vom plumpen zentralen Antriebsmotiv des Menschen: der Langeweile. Langweilig ist mir nicht und ich weiß wovon ich rede. Mein Kopf ist eben nicht leer sondern voll.

Ich blende mich jetzt noch ein bißchen aus, genieße den Moment und hoffe inständig, dass ich heute nicht mehr reden muss. Auf dass dieses wohlige Gefühl noch etwas anhalte...

Yours,

L.

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